Echos in der Höhle: Eine Wanderung zur Timpanogos-Höhle
Im American Fork Canyon ist der Radioempfang schlecht, also schalten Sie ihn aus. Das ist einfach das Schöne an Utahs Wasatch Front: Nach wenigen Autominuten ist man fast schon in der Wildnis. Mit offenen Fenstern weht Ihnen die frische Bergluft um die Haare. An der Mautstelle erklären Sie dem Angestellten, dass Sie die Höhle besuchen, und müssen dann die Canyon-Gebühr nicht bezahlen. Sie fahren die kurvenreiche Canyonstraße hinauf, parken am Besucherzentrum und füllen Ihre Wasserflasche auf. Sie holen Ihr Ticket ab und treffen eine Rangerin am Ausgangspunkt des Wanderwegs. Sie erklärt Ihnen die Regeln und Sicherheitsvorkehrungen. Besonders hervorgehoben wird die Steinschlaggefahr. Fünf Minuten später zeugen große Schlaglöcher im Asphalt von der Ernsthaftigkeit der Warnung der Rangerin.
Der gesamte Aufstieg zur Höhle ist eine endlose Serpentinenwanderung. Der asphaltierte Weg, frei von Steinen, Wurzeln und Erde, vermittelt ein trügerisches Gefühl der Sanftheit – auf den anderthalb Meilen überwindet man 335 Höhenmeter, was den Weg praktisch auf Wanderer beschränkt. Selbst wenn Kinderwagen oder Fahrräder erlaubt wären, würde wohl nur ein Verrückter so etwas mitnehmen. Es ist trocken und heiß. Ein Schweißtropfen rinnt zwischen den Schulterblättern hinab. Die Aussicht, unter der Erde zu sein, in einer angenehmen Kühle von 7 Grad Celsius, lockt einen weiter nach oben. Man weiß, die moderate Wanderung wird sich lohnen. Nahe dem Höhleneingang streicht man mit der Hand über winzige, versteinerte Muscheln und Korallen, die in die glatte Kalksteinklippe von Deseret eingebettet sind. Kaum vorstellbar, dass man sich auf 2.051 Metern Höhe an einer uralten Küstenlinie befindet. Mitten in Utah.
Du ziehst deine Jacke an, verschlingst einen Proteinriegel und trinkst einen Schluck Wasser – Essen und Trinken in der Höhle ist verboten. Oder besser gesagt: in den Höhlen, denn die Tour führt durch insgesamt drei Höhlen. In der ersten, der Hansenhöhle, sucht der Ranger nach Fledermäusen, doch diese sind bereits fortgeflogen. Auf dem Weg entlang durchdringt die kühle, feuchte Luft deine Haut. Der erdige Geruch wirkt wohltuend. Das Licht der Stirnlampe des Rangers durchdringt einen Nebelschleier und fällt auf einen stillen Wasserfall aus Kalziumkarbonat, der die Höhlenwände hinabstürzt. Das klassische Geräusch von tropfendem Wasser in einer Höhle hallt voraus, jeder Tropfen hat eine andere Tonhöhe. In der Dunkelheit wirken die Wände beige, doch als der Ranger seine Lampe nah an die Wand hält, leuchten sie hellgrün – ein Zeichen für die Kombination von Nickel- und Aragonitablagerungen im Kalzit. Die hilfreichen Fußleuchten weisen dir den Weg weiter in die Mittlere Höhle.
Bald rücken die Wände näher und die Decke verschwindet. Zu beiden Seiten erhebt sich der Kalkstein empor, dazwischen nur Schwärze. Der Ranger erklärt: „Wir befinden uns gerade in einer Verwerfung.“ Du sagst laut: „Ich gehe in einer Verwerfung“, und es klingt verrückt. Du erreichst eine schwere Stahltür mit einem im Dunkeln leuchtenden Türknauf. Durch die Tür gehst du durch einen schmalen, künstlich angelegten Tunnel tiefer in den Berg hinab.Timpanogos-HöhleIm Inneren entdeckt man einen kleinen Teich, der von Kalzitstalaktiten und -säulen umgeben ist und dessen Rand von wellenförmigen Felsvorsprüngen gesäumt ist – den Hidden Lake.
Während du durch das dunkle, verwinkelte Labyrinth geführt wirst, fühlst du dich wie im Inneren eines gewaltigen Ungeheuers. Der Ranger hält vor einer großen, leuchtenden Kalzitformation an: dem Herzen von Timpanogos. Du durchquerst verschiedene Kammern, die mit surrealen Gebilden geschmückt sind, die alle von demselben Wasser geformt wurden, das von der Decke auf deine Brille tropft. Der Ranger enthüllt weiteres, geheimnisvolles, leuchtendes Kalzit: gelb von Nickel, violett von Mangan. Im nächsten Raum – dem Kamelraum oder Fantasieraum – fühlst du dich wie Gimli, umgeben von Statuen seiner Vorfahren in einem unterirdischen Schrein. Die Zeit scheint hier viel langsamer zu vergehen.
Gegen Ende der Wanderung zwängst du dich über das Geländer, um an einer massiven, im Lampenlicht glänzenden Kalzitwand vorbeizukommen. Als du die Höhle endlich verlässt, überkommt dich die Hitze und das blendende Licht, und du blinzelst wie ein ausgegrabener Maulwurf. Du wünschst dir, du könntest noch ein wenig länger in der Höhle bleiben. Das Leben in der Höhle ist schön. Das Leben in der Höhle ist magisch. Auf dem Rückweg bietet sich dir ein atemberaubender Blick durch die Schlucht ins Tal – du bleibst stehen und staunst. Du machst schnell ein Foto, obwohl du weißt, dass es später nicht mehr so gut aussehen wird. Du kannst es kaum glauben, dass dieser Ort so nah an der Stadt liegt. Du wirst deine Freunde auf jeden Fall zur nächsten Wanderung in die Timpanogos-Höhle mitnehmen, um ihnen diese faszinierende Sehenswürdigkeit zu zeigen.